Immer wieder höre ich in Organisationen, dass Mitarbeitende in Personalgesprächen aufgefordert werden, in ihre individuelle Selbstermächtigung zu gehen, wenn sie sich über systemische Nichtwirksamkeit beschweren.
Der Gedanke, Menschen zur individuellen Ermächtigung aufzurufen, ist meist vom Aufrufenden gut gemeint, aber schnell auch grenzüberschreitend, wenn Vorgesetzte versuchen, in die Persönlichkeitsstruktur ihrer Mitarbeitenden einzugreifen. Doch heute geht es mir nicht um diese persönliche Grenzverletzung, sondern darum, dass dabei oft Wesentliches ausgeblendet wird.

Der Aufruf zur individuellen Selbstermächtigung fokussiert auf zwei der vier Quadranten der integralen Theorie: den ICH-Quadranten oben links, der die individuelle Innerlichkeit – das Denken, Fühlen, Impulse, Persönlichkeitsanteile, Glaubenssätze und weiteres – umfasst,
den ES-Quadranten oben rechts, wo wir unter anderem das sichtbare, objektiv messbare Verhalten verorten können. Häufig fehlt hier im Appell an die Mitarbeitenden schon die Orientierung, weil nicht mit kommuniziert wird, woran objektiv und konkret festzumachen ist, dass die Selbstermächtigung gelungen ist.
Das Tragische ist, dass Menschen sich häufig den Schuh anziehen und beginnen zu glauben, das systemische Problem läge ausschließlich an ihnen, und anfangen, an ihrer Persönlichkeitsstruktur zu schrauben. Selbst wenn ihnen diese Innenarbeit gut tut und sie dadurch mehr individuelle Selbstermächtigung erreichen, führt das selten zu den gewünschten Resultaten im System der Organisation.
Warum? Weil die systemischen Quadranten ausgeblendet werden: unten rechts im SIE-Quadranten die Strukturen, Prozesse, Rollen innerhalb der Systeme und Organisationseinheiten sowie das gemeinsam gelebte Verhalten innerhalb dieser Strukturen.
unten links im WIR-Quadranten der Kulturquadrant mit geteilten Denkmustern, Fühlmustern, kulturellen Überzeugungen, Narrativen und aktiven Wertemustern, die nicht zwingend den Organisationswerten in Hochglanzbroschüren entsprechen.
Rufen wir Menschen, die auf Dysfunktionalität im System aufmerksam machen, dazu auf, diese Probleme zu lösen, indem sie an ihrer Persönlichkeit rumschrauben oder einfach nur ihr Verhalten anpassen sollen, dann geben wir ihnen Anweisung, dauernd mit Anlauf vor verschlossene Türen zu laufen und sich blutige Nasen zu holen. Die individuelle Selbstermächtigung knallt gegen systemische Grenzen.
Das kann dazu führen, dass… Rollengrenzen nicht mehr gewahrt werden,
vereinbarte und gültige Organisationsprozesse und Strukturen unterwandert werden,
Rollenträger*innen gegeneinander aufgebracht werden,
die sich selbst ermächtigende Person zum Störer und Feind deklariert wird,
immense Enttäuschung entsteht, weil die Selbstermächtigung nicht in Wirksamkeit führt,
gesteigerter Frust bis zur Kündigung führt, oder
sich Parallelstrukturen bilden, die ein Eigenleben entwickeln und selten den Menschen und der Organisation wirklich dienen.

Es braucht das Zusammenspiel von Selbstermächtigung in Denken, Fühlen und Handeln – aber bitte im Kontext der zugewiesenen und geklärten Rolle. Ein Systemverständnis für das Stakeholder-Zusammenspiel und die gemeinsam gelebten Prozesse und Strukturen.
Hier lohnt es sich, unter anderem solche Fragen zu stellen: Sind Rollen wirklich geklärt? Samt Zuständigkeiten, Erwartungen und Entscheidungsbefugnissen?
Was braucht welcher Stakeholder von wem, damit Wertschöpfung gut gelingen kann? Welche Rollendefinitionen und Governance braucht es dafür?
Sind Rollen stimmig besetzt? Müssen zusätzliche Rollen geschaffen werden?
Wie müssen Organisationseinheiten geschnitten sein, damit die Menschen in ihren Rollen darin in systemische Wirksamkeit kommen?
Welche Rhythmen und Routinen braucht es, um miteinander systemisch wirksam zu sein, und welche Kultur müssen wir dafür miteinander gestalten?
In meinen SYSTEGRA®-Programmen für Fach- und Führungskräfte biete ich fundierte Ansätze und Lösungen, um kontextbewusste, individuelle und systemische Ermächtigung und Wirkkraft zusammenzubringen um auch in herausfordernden Phasen souverän und systemisch bewusst agieren zu können.
Magst Du mit mir persönlich sprechen, wie wir das in Deiner Organisation umsetzen können? Dann melde Dich gern zum kostenfreien Impulse-Call
Herzlichst,
Treya